Nun sag mir doch jetzt mal ehrlich deine Meinung!

Was bildet der sich ein, so eine bodenlose Frechheit. Und der will mit mir schon seit über 20 Jahren befreundet sein. Das ist ja die Höhe. Mindestens zweimal die Woche gehen wir hierher, seit Jahren und jetzt so etwas. Unglaublich.
Unterstellt der mir allen Ernstes, dass ich immer lüge, nie die Wahrheit sage? Seit 20 Jahren? Ich komme gar nicht darüber hinweg. Ich sage die Unwahrheit und das soll ein Freund sein? Wirklich, das kann ich nur träumen!
Und warum gerade jetzt? JETZT soll ich meine ehrliche Meinung sagen, gerade jetzt? Es geht doch um gar nichts Wichtiges. Habe ich was verpasst?

Nachdem der erste Ärger verraucht zu seien scheint, versuche ich die Aufforderung etwas genauer unter die Lupe zunehmen und tatsächlich, mir wurde unterstellt, dass ich mit meiner ehrlichen Meinung ständig hinterm Berg halte.

Das Thema unseres Gespräches war definitiv kein Aufreger, nur ob ich die Zerstörung des Dorfkerns durch den Abriss eines hässlichen alten Hauses, indem ob der lange überfälligen Sanierung, keiner so recht wohnen möchte, dennoch zwei Familien dort hausen, weil sie sich die kleine Miete gerade so leisten können, befürworten könne.

Bleibt noch die Frage nach dem Jetzt?
Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich, diese Analyse zunächst nicht vorzunehmen.

Also zurück zur Wahrheit, zur ehrlichen Meinung.
In der festen Überzeugung bis auf ganz wenige Ausnahmen immer meine Auffassung frank und frei zu äußern, fühle ich mich immer noch getroffen.

Aber wie ist das denn, wenn ich mich sehr kritisch hinterfrage?
Im Laufe meines Lebens habe ich lernen müssen, dass emotionale Sofortschüsse meistens kein Gehör finden, ja, sogar belächelt und folglich nicht ernst genommen werden. Also habe ich in einem für mich sehr harten Training einstudiert, die von meinem Gesprächspartner zu Protokoll gegebene Äußerung zunächst an mir vorbeifliegen zu lassen und mich dann nach ihr umzudrehen und zu sehen, was die Information in dem ganzen von Vorurteilen, Vorwürfen und Machtspielchen geschwängerten Redeschwall gewesen sein wird. Auch heute befürchte ich noch manchmal, die Gunst der Situation dadurch zu verpassen, nicht mit ausreichender Wucht zurückschlagen zu können und der Drang, sofort ohne zu überlegen zu reagieren muss mit so viel Anstrengung unterdrückt werden, das Teile der Information sich auf und davon machen, ohne dass ich auch nur die Rücklichter bemerkt habe.

Leider führt das Wissen darum dazu, dass sich eine Verunsicherung breit macht: Habe ich alles Wesentliche mitbekommen und verstanden? Wenn das nicht so sein sollte, dann erscheine ich mit meiner, nicht den Kern der Aussage treffenden Antwort vielleicht als dumm oder uninteressiert oder weiß was noch alles. Vielleicht sogar als unhöflich. Oh nein, das will ich nun wahrlich nicht. Es widerspricht allem, was ich an Erziehung und Sozialisierung im Kindes- und Jugendalter erfahren dürfte.

Aber ne, das kann es nicht sein, deshalb ist doch was ich sage ehrlich, offen und ehrlich, oder?
Gut, manchmal, nicht so selten, wie ich es mir wünschen würde, also, seltener als es meinen Werte- und Moralvorstellungen entsprechen würde, versuche ich zu kneifen, weil ich keine Meinung habe, ne falsch, weil ich mir nicht zutraue, ein fundiertes Urteil abgeben zu können, weil mir vielleicht, sogar wahrscheinlich einige Fakten fehlen. Komisch, meinem Gegenüber scheint es nichts auszumachen, nur ein paar Informationen zum diskutierten Thema zu haben. OK, sonst würden wir die Kommunikation wahrscheinlich auch ganz einstellen können, wann hat man schon den Rundumüberblick.

Ich könnte natürlich so etwas wie „Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand habe ich folgende Überzeugung“ sagen und es wäre absolut ehrlich. Das ist dann wie alles im Konjunktiv sagen, bloß nicht endgültig festlegen.

Ich spüle nochmal ein Stück zurück. Wenn ich sofort und emotional antworten würde, dann wäre es doch ehrlich. Also ist nur Spontanität absolut ehrlich?
Neben dem Nachteil, eventuell nicht ernst genommen zu werden, was gibt es da noch. Weshalb kann ich nicht einfach spontan – emotional ein wenig abgebremst -antworten? Stimmt, da war doch was: Reagiere ich spontan, so besteht immer die Gefahr, dass der Gesprächspartner in irgendeiner Weise gekränkt oder gar verletzt wird, da ich mir die Worte nicht genauestens überlegt habe. Sätze wie: „Denkst du auch manchmal nach?“ oder „Bist du denn jetzt total verblödet?“ sollten mir lieber nicht rausrutschen. Dafür gibt es viele Gründe: es ist unsachlich, es kann als Angriff oder Verletzung empfunden werden, ich wirke je nach Gesprächsgegenüber arrogant und ganz wichtig, ich weiß nicht, ob ich das Echo darauf vertragen kann.
Wie sicher kann ich meinen Standpunkt begründen? Ist es überhaupt von Interesse, ob ich das kann oder ist die Frage nach meiner Meinung nur eine Floskel? Soll diese als Untermauerung der eigenen, vielleicht noch nicht ganz ausgegorenen Äußerung verwendet werden? Kurz gesagt, welche Absicht wird mit der Frage nach meiner Ansicht verfolgt?

Wenn ich schon dabei bin, dann kann ich auch darüber nachdenken, wie ich meine Stellungnahme zu dem einen oder anderen Thema abgebe. Meistens von der Wortwahl gut überlegt, ich möchte ja nichts Falsches sagen, ehrlich bleiben. Und dennoch hindert mich etwas am Aussprechen meiner Gedanken. Was läuft da in meinem Kopf ab?

Ich glaube, mit der rein theoretischen Beurteilung komme ich nicht weiter. Also zurück zum Aufhänger, dem Abriss.
Die blöde Tussi, der das Grundstück samt Haus mal gehörte hat die Gunst der Stunde genutzt und zum Höchstpreis an das Land verkauft.
Wie blöd muss man eigentlich sein, sich auf so einen schmutzigen Deal einzulassen?
Aber so kann ich mich natürlich nicht äußern. Nachher wird mir noch Diskriminierung von geistig Minderbemittelten vorgeworfen. Auweia, noch so ein böses Wort. Und eigentlich zeigt der Verkauf eine gewisse Schläue.

Wie dem auch sei, ich muss mir schon genau überlegen, was ich wie formuliere, damit ich nicht in irgendeine Ecke gestellt werde.
Ne, da gehöre ich nicht hin und ich will auch in keine Schublade gesteckt werden.
Früher war das alles einfacher, oder bilde ich mir das nur ein? Ich musste nicht ständig befürchten, frauenfeindlicher, rassistischer, brauner oder rechter Äußerungen bezichtigt zu werden.

Überhaupt habe ich das Gefühl, meine Ansicht zu einem beliebigen Thema dient immer der Einordnung meiner Person in eine zumeist politisch motivierte Richtung.
Wenn ich aus allen diesen Überlegungen das Resümee ziehe, so stelle ich mir schon die Frage, wie ehrlich sind meine Meinungsäußerungen wirklich?

Ich drehe mich nochmal um und schaue den Rücklichtern der Aufforderung „Nun sag mir doch jetzt mal ehrlich deine Meinung!“ hinterher.

Will mein langjähriger Freund mir sagen: „Ich kenne dich, sei einfach wieder spontan! Sei einfach mal wieder du selbst!“?

Gedanken über Gefühle

Immer öfter scheint es mir, als könnten die Menschen ihren Gefühlen keinen Ausdruck mehr verleihen, als sei das besitzen von Gefühlen, wie der Biss einer Klapperschlange, die ungeduldig auf ihr Mahl wartet. Doch sind  nicht die Gefühle das, was unser Leben lebenswert macht. Wenn es so schwer ist sie zu zeigen, wie sollen wir dann jemals glücklich auf Erden wandeln? Wie sollen wir je erfahren, was Glück ist? Und was es ist, das uns an jedem neuen Tag tief in unserer Seele fehlt?
 
Vor einiger Zeit sah ich ein Kind, kaum aus seinem fünften Jahr heraus, dass auf die Frage wie es sich Elfen vorstelle mir antwortete: „ Elfen? Elfen gibt es nicht!“ Und ein vielleicht zwölfjähriger stand da, telefonierte mit seinem teuren Handy und hatte den Ton eines langjährigen Geschäftsmannes am Leibe und sprach pausenlos nur übers Geld. Bitte, lieber Gott im Himmel, wenn es dich wirklich gibt, dann bitte sage mir, wo ist die Liebe zu den Märchen hin, die es überall zu finden gab, als ich noch klein und unbeschwert, warum kennen so viele Kinder heute kaum noch welche und warum höre ich so ernste, trockene, gemeine und unschöne Worte aus den Mündern von Kindern, die kaum die Schulbank haben gesehen. Was ist nur passiert, dass es kaum Menschen gibt, die noch an Märchen       glauben, dass es so wenig Menschen gibt, die – wenn noch in Besitz  wahrhaftiger, guter Phantasie – ihren Phantasien keinen Ausdruck mehr verleihen, geschweige denn an sie glauben oder sie für ihr eigenes Seelenheil verwenden?
 
Ich selbst lebe meine Phantasien gerne aus, soweit es geht. Man könnte fast sagen, dass ich in einer Phantasiewelt lebe und nur allzu ungern aus meinen Träumen gerissen werde, doch leider

werde ich immer wieder und immer öfter und auch für immer länger aus meiner Phantasiewelt gerissen und so wird es weitergehen und es wird immer öfter geschehen. Aber ich hoffe, mit jeder Faser meines Herzens, dass mir immer meine Phantasie bleibt und ich mich jederzeit, in ruhigen Nächten oder in wenigen sinnlichen Augenblicken, mich in meine Welt zurückziehen kann, die ich schon als Kleinkind so sehr liebte und die mir schon tausendmal mein einz´ger Trost war in dieser erkaltenden und lieblos werdenden Welt.
 
Stephanie-Jane Kruppa 25.08.01