Auszüge eines Gespräches mit einem vermeintlichen Rechten/Reichsbürger (Judith)

Enttäuscht und auch aufgebracht verlasse ich die Veranstaltung. Da ich ein sehr emotionaler Typ bin, habe ich das Bedürfnis, meiner Begleiterin gegenüber meinem Ärger Luft zu verschaffen. Wir hatten uns erst wenige Schritte vom Veranstaltungsort entfernt, da wurden wir sehr höflich von einem zwar auffallend, aber ordentlich gekleideten Herren angesprochen: „Nicht wirklich zufriedenstellend die Rede, nicht wahr?“  Ich nicke. Noch in meine Bewegung hinein nimmt mein Gegenüber die Gesprächsführung an sich. „Das meiste erschien doch sehr abgehoben und hätte einer genaueren Erläuterung oder Diskussion bedurft, es war nicht oder nur schwer erkennbar, wie der Zukunftsplan aussieht.“ „Naja, ein paar Ansätze sind schon angerissen worden und wenn..“ – viel weiter komme ich mit meinen Ausführungen nicht. „Wie soll es mit der Wirtschaft weitergehen, Steuererhöhungen bringen  bei unserer Regierung auch nur höhere Diäten.“ Bei der Vorstellung muss ich grinsen. Nimm von den Reichen und gib es den….anderen Gutbetuchten, denke ich. „Das Konstrukt muss weiter ausgebaut werden, dazu muss sich das Gesamtsystem grundlegend betrachtet werden.“ Auch dieser Aussage kann ich zunächst nur beipflichten. „Das ganze sollte global bewertet und gelöst werden.“ Hilfe, jetzt komme ich langsam an die Grenzen dessen, was ich so schnell verarbeiten und beantworten kann. Tausend Antworten und Entgegnungen schwirren durch meinen Kopf. „Zur konkreten Europapolitik hat er sich nur vage geäußert, Angriffe auf bestimmte Politiker im EU-Parlament gab es jedoch reichlich.“ Jetzt bin ich dran, dachte ich jedenfalls. „Die Frage um die Verteilung der Flüchtlinge ist eine europäische, wir können bei so vielen, die da kommen nicht zulassen, dass unser Blut so vermischt und wir entdeutscht werden.“ Nun ist endgültig der Punkt erreicht, an dem ich das Wort ergreife. „Fürwahr, es ist ein gesamteuropäisches, wenn nicht sogar ein weltweites Thema. Eine Frage der Menschlichkeit und was heißt hier entdeutscht?“ Ich ahne, wessen Geistes Kind ich vor mir zu stehen habe und bemerke erst jetzt, dass sich mein Gesprächspartner schon mindestens 4mal vorgestellt hat, verbal und durch zeigen auf seinen Hemdkragen. Das gravierte messing-farbende Namensschild auf einem weißen Hemd mit blau-weißer Borte sieht sehr professionell aus. „Die Durchmischung, das geht doch nicht, das können wir nicht zulassen, dann hat Deutschland bald kein eigenes Volk mehr, das gibt es in der Tierwelt doch auch nicht, die bleiben immer schön in ihren Revieren.“ Moment: „Natürlich gibt es Durchmischung in der Tierwelt auch und Migration hat es schon immer gegeben.“ Viel weiter komme ich auch jetzt nicht. „Hat sich schon einmal ein Fuchs mit einem Hasen gepaart?“ Jetzt unterbreche ich. „Hier werden Rassen und Arten durcheinander gewürfelt. Arten können sich nicht paaren.“ Aber mein Gegenüber hat überhaupt kein Interesse an meinen Ausführungen und redet einfach weiter. Der Punkt, an dem ich das Gespräch für mich beende ist erreicht.

 

Was ist hier eigentlich gerade passiert?

Aus meiner emotional angespannten Situation heraus wurde ich in ein Gespräch gezogen, das ich zwar nicht initiiert habe, in dem ich aber die Chance zur Verbreitung meiner Meinung gesehen habe. (Bereitwilliges Einlassen auf ein Gespräch – Motiv – Einfallstor – Querverweis?)

Der Anfang des Geplänkels wurde von meinem Gegenüber initiiert, der durch gezielte Beobachtung mein emotionales Dilemma erkannt hat. Es wurden keine konkreten, belastbaren Aussagen getroffen, lediglich Worthülsen, die eine Bindung an das bisher tatsächlich inhaltslose, gefühlt jedoch verständnisvolle Gespräch herstellen. Gleichzeitig ist das Gehirn permanent damit beschäftigt, möglichst sachlich und standpunkttreu am Gespräch teilzunehmen. Die Gedanken und vermeintlichen Antworten häufen sich an und führen zu einer Überlastung und folglich zur Unachtsamkeit. Gedankenschlenker oder Widersprüche in den Aussagen des Gesprächspartners werden zu spät oder gar nicht mehr wahrgenommen, ich nähere mich dem Zustand der Ohnmacht.

Das Unterbewusstsein nimmt seine Aufgabe ernst und schützt mich, indem es einen Gedankenschnellschuss provoziert und ich eine Aussage treffe. Mein Gegenüber erkennt die Situation und konfrontiert mich vor der vollkommenen Ohnmacht, dann bin ich ja nicht mehr aufnahmefähig, mit seiner Theorie oder Weltanschauung.

Da ich an dieser Stelle das vermeintliche Gespräch abgebrochen habe, stellt sich Fragen. War mein Verhalten richtig oder habe ich für einen Sieg der Gegenseite gesorgt? Was hätte ich anders machen sollen oder können? Wäre das Einlassen auf eine Diskussion besser gewesen, um eine klare Ansage zu menschenverachtenden Positionen zu beziehen?

Die Analyse der Situation beantwortet leider nicht alle Fragen, dennoch sei bemerkt: Es hat zu keiner Zeit ein Gespräch im Sinne von Rede und Gegenrede gegeben, folglich kam es meinem Gegenüber nie darauf an, meinen Blickwinkel kennenzulernen. Eine Diskussion wäre also gar nicht zu führen gewesen.

Hätte ich mich gar nicht erst in das „Gespräch“ verwickeln lassen, so wäre die Frage nach Sieg oder Teilsieg gegenstandslos. Was aber heißt das, wenn ich es auf das gesamte soziale Leben ausweite. Um zu vermeiden, in Ohnmachtssituationen zu geraten, Phasen, ich denen ich, wie fast immer, keine allumfassende, über jeden meiner Zweifel erhabene Position vertreten kann, nehme ich fortan an keinen Gesprächen mehr teil? Dann würde ich mich aus der Verantwortung für mich und meine Umwelt vollkommen herausnehmen, sollen die da draußen doch denken und machen, was sie für richtig halten. Aber dann überlasse ich das Spielfeld Kräften, die mich in meinem Dasein massiv beschränken können und ich wehre mich nicht einmal mehr mit Worten. Das kann nicht die Alternative sein.

Tagtäglich kämpfe ich darum, in den Wirren der Weltpolitik und des Jetzt den Überblick zu behalten und mir eine Meinung zu bilden. Von Tag zu Tag wird es schwieriger.

Ein Gedanke zu „Auszüge eines Gespräches mit einem vermeintlichen Rechten/Reichsbürger (Judith)


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